Es ist wohl die Patina der Geschichte, die uns an alten Gebäuden fasziniert. Sie flüstert uns ein Gesellschaftsbild längst vergangener Tage zu. Sie erzählt uns von Stadtplanung, Lebensentwürfen, Aufbruch und Niederlassung, Irrtum und Erinnerung, Produktionslogiken und Machtverhältnissen. Die Mauern sind geprägt von einer kollektiven Kultur, die uns in einer fluiden Zeit des schnellen Umbruchs, einen Anker in die Geschichte bieten. Sie sind gelernt, sie sind verstanden. Sie sind nicht zeitlos, sie sind zeitvoll. Und sie sind Speicher Goldener Energie.
Wird ein Gebäude von kultureller Bedeutung abgerissen, reißt Bagger und Abrissbirne seine gesamte Geschichte mit in den Schlund der Vergessenheit, der Bedeutungslosigkeit, des Nichts. Zermalmt wird, was wir landläufig Goldene Energie* nennen. Es beschreibt den immateriellen und nicht quantifizierten Wert eines Gebäudes, der sich durch seine Geschichte ergibt. Goldene Energie ist gespeichert in den Narben und Furchen der Geschichte. Das macht es wohl zu einer Angelegenheit, die uns alle angeht. Geschichte ist vom Menschen gemacht, Zerstörung auch. Abriss kann Raubbau an der Zukunft und die Austilgung Goldener Energie bedeuten. Denn wenn Vergangenheit und Gegenwart aufeinanderprallen, passiert entweder musealer Stillstand und damit Konservierung, restlose Zerstörung und damit Eliminierung oder Konversion durch das Befeuern Goldener Energie.

„Die Stadt gehört wieder mir“
Danke Fiva für diese schöne Textzeile, die wohl aus einer der größten Trennungshymnen stammt, die gleich nach Gloria Gaynors „I will survive“ steht. Gekommen bin ich allerdings darauf, da wir uns diese Frage öfter stellen sollten: „Wem gehört die Stadt?“ und wem seine Geschichte? Hört sich Goldene Energie mancherohrens vielleicht nach naiver Sentimentalität an, so lässt sie aber auch ökonomische Schlüsse zu, die nicht von der Hand zu weisen sind. Genauso nahm die Gentrifizierung ihren Lauf und diesem Erfolgskurs wird wohl keine Excel-Tabelle widersprechen. Das Erfolgsrezept liegt auch hier in einer intrinsisch motivierten Konversion, die zu Beginn noch nicht die klingende Bezeichnung der Goldenen Energie in sich trug.
Die Transformation von Vergangenheitsfunktion auf aktuelle Bedürfnisse ist auch eine ethische Frage. Welche Würde geben wir der Geschichte? Die Goldene Energie ist kein Dogma, keine Ideologie, keine abgeschlossene Theorie und schon gar keine Bürde. Sie ist Humus. Ein Nährboden, der sich durch Auf-, Ab- und Umbau bereichert.
Vom Credo der Differenzierung
Die Globalisierung hat uns oft auch Homogenisierung beschert. Die Goldene Energie durchbricht dieses Prinzip und folgt dem Credo der Differenzierung. Sie hebt Einzigartigkeit, Unverwechselbarkeit, Bedeutung und emotionale Bindung hervor. In diesem Sinne darf man sie in die Reihe ökonomischer Faktoren ungeniert aufnehmen.
Weiters würde man behaupten, Gebäude verlieren durch Nutzung an Wert. Goldene Energie kehrt diesen Prozess um: der Mehrwert entsteht durch Leben und Lieben, Diskussion und Verhandlung, Aneignung und Ablehnung. Zumal sich Städte nicht als starre Gebilde begreifen lassen, dürfen auch Gebäude nicht als Scheintote geführt werden. Es sind lebendige Abbilder gesellschaftlicher Entwürfe. Sie stehen mit einem Bein in der Gewissheit der Geschichte und stützen uns im Umbruch der Gegenwart.
Die Goldene Energie zeigt uns also, was wir in der Realitätenwirtschaft (sprich Immobilienwirtschaft) oft vergessen: nämlich die Realität! Geschichte ist gewesene Realität mit tiefen und prägenden Ankern in die aktuelle Realität. Kluge Konversion bedenkt dies und findet Wege ihrer Nutzbarmachung. Das ist nicht die Kür, das ist die Pflicht, intelligenter und zeitgemäßer Stadtplanung. Denn Stadt und Geschichte gehören uns schließlich allen.
* Definition der Bundesstiftung Baukultur unter www.goldeneenergie.de: „Der Begriff „goldene Energie“ soll verdeutlichen, dass Bestandsgebäude aus mehr als grauer Energie, aus mehr als den in ihnen gespeicherten Baustoffen und Emissionen bestehen. Denn auch immaterielle, kulturelle Werte sind in Bestandsgebäuden gebunden. Jeder Ort und jedes Gebäude haben ihre eigene Geschichte, die mit den Biografien der Menschen verwoben ist, die dort gewohnt, gearbeitet, gelernt, geliebt, gespielt, gefeiert haben. Eine neue Umbaukultur trägt diese Biografien und Geschichten weiter und reichert sie mit neuen an. Das Bauwerk selbst hat oft aus seiner Zeit heraus Spezifika, die Impulse für eine spannende, zeitgenössische Gestaltsprache geben. Diesen kulturellen, sozialen, atmosphärischen, emotionalen und gestalterischen Mehrwert der Bestandsentwicklung bezeichnet die Bundesstiftung Baukultur als goldene Energie.“